Wo das Krebsrisiko am höchsten ist

Das persönliche Krebsrisiko wird vor allem von individuellen Faktoren bestimmt. Doch auch der Wohnort hat einen gewissen Einfluss. Der Krebsatlas Deutschland offenbart die jeweilige statistische Erkrankungswahrscheinlichkeit in den Bundesländern.

Eine Krebserkrankung entsteht immer aus einem komplexen Wirkungsgeflecht heraus. Lebenswandel, Umwelteinflüsse, Ernährung, Gene, Rauchen und, und, und: Die Risikofaktoren sind vielfältig. Wie sie sich gegenseitig beeinflussen, kann die Wissenschaft noch nicht vollständig nachvollziehen. Auch zur Frage, warum die Erkrankungshäufigkeit in manchen Bundesländern höher liegt als in anderen, lassen sich nur Vermutungen anstellen. Belegt ist lediglich, dass es diese Unterschiede gibt.

Die dieser Erkenntnis zugrunde liegenden Zahlen werden fortlaufend von der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. (GEKID) zusammengetragen und in Form von Tabellen und Karten veröffentlicht. Die aktuellsten Auswertungen beziehen sich auf das Jahr 2013. Sie zeigen, dass die Anzahl der in diesem Jahr neu aufgetretener Krebserkrankungen – die sogenannte Inzidenz – für Frauen in NRW, Hamburg und Schleswig-Holstein am höchsten ist. Hier werden Raten um 340 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohnern und Jahr registriert. Männer erkranken in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, NRW und im Saarland am häufigsten an Krebs. Bei ihnen kommt es in diesen Bundesländern allerdings zu einer wesentlich höheren Inzidenz mit Raten von über 460 Neuerkrankungen je 100.000 Einwohnern. Vergleichsweise geringe Krebsraten werden dagegen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt (Frauen) bzw. in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz (Männer) verzeichnet.

 

Womit sind die regionalen Unterschiede zu erklären?

Zunächst muss zu diesen Zahlen einschränkend gesagt werden, dass die Datenerfassung laut GEKID nicht in allen Bundesländern einheitlich und gleichermaßen vollständig erfolgt. Darin kann eine Ursache der verschiedenen Krebsraten liegen. Vor allem aber stehen die bekannten Risikofaktoren im Verdacht. So liegt beispielsweise die Neuerkrankungsrate für Lungenkrebs in Bremen mit 76,3 (Männer) bzw. 40,5 (Frauen) je 100.000 Einwohnern in ganz Deutschland am höchsten. Zugleich ist Bremen neben Berlin das Bundesland mit dem höchsten Raucheranteil. Da das Rauchen als Hauptrisikofaktor für Lungenkrebs gilt, erscheint ein Zusammenhang hier plausibel.

Eine andere Erklärung bietet die Wissenschaft für die Tatsache, dass Brustkrebs bei ostdeutschen Frauen deutlich seltener auftritt als bei westdeutschen. Sowohl die Erkrankungs- als auch die Sterblichkeitsrate liegt um rund ein Viertel unter der in den alten Bundesländern. Vermutet wird, dass die Ursachen dafür noch in die ehemalige DDR-Zeit zurückreichen: Damals wurden die Frauen schon früher Mütter, stillten ihre Kinder länger und nahmen insgesamt weniger Hormone ein. Diese Umstände gelten in Zusammenhang mit Brustkrebs als schützende Faktoren, und wegen der langen Entstehungszeit einer Krebserkrankung kommt es erst Jahrzehnte später zum Tragen.

Punktuell spielen auch Umweltfaktoren und berufliche Expositionen eine wichtige Rolle, etwa wenn eine Region vom Bergbau geprägt war. So wird ein Zusammenhang zwischen dem Abbau des Metalls Wismut und regional erhöhten Lungenkrebsraten vermutet. Das Gleiche gilt für die Kohlereviere an Rhein, Ruhr und Saar, in denen die Luft unter wie über Tage viele Schadstoffe enthielt. In diesen Fällen kann es auch Jahrzehnte nach den Zechenschließungen noch zu mehr Krebsfällen kommen.

Unterschiedlich ist von Bundesland zu Bundesland zudem die Inanspruchnahme von Früherkennungsprogrammen. In Ostdeutschland gehen beide Geschlechter häufiger zur Vorsorge, nach Westen hin sinkt die durchschnittliche Teilnahme. Gemeinsam ist dem Osten wie dem Westen, dass deutlich mehr Frauen als Männer Früherkennungsmaßnahmen in Anspruch nehmen.

Welche Gründe auch immer den Ausschlag für die regionalen Unterschiede geben: Das persönliche Verhalten ist neben der genetischen Prägung in aller Regel ausschlaggebender als der Wohnort.